Diese Arbeit hilft Menschen zu überleben

1998 war Augsburg nach Mannheim die Stadt mit den meisten Drogentoten in Deutschland. Es musste etwas geschehen. Mit der Eröffnung einer Substitutionsambulanz in der Innenstadt beteiligte sich auch das Bezirkskrankenhaus (BKH) Augsburg an der Versorgung von opiatabhängigen Patienten. Die Einführung und Verbreitung der Substitutionsbehandlung in der Suchtmedizin stellte in den 90er Jahren einen Meilenstein in der Behandlung dieser Klientel dar. Heute – drei Umzüge und 20 Jahre später – behandelt das BKH an zwei Standorten permanent mehr als 200 suchtkranke Patienten: in der Innen-Stadtambulanz an der Holbeinstraße und am BKH selber, wo es mit der Drogenklinik eine spezielle Einrichtung gibt. Überlebenssicherung und soziale Integration sowie das Erreichen der Abstinenz sind wesentliche Ziele des Behandlungsprogramms.

Mitte September feierte eine Reihe von Ehrengästen gemeinsam mit dem Mitarbeiterteam das 20-jährige Bestehen der Innen-Stadtambulanz in der Holbeinstraße. Es war die erste ausgelagerte Ambulanz überhaupt, die die Bezirkskliniken Schwaben damals in Betrieb nahmen, berichtete Vorstandsvorsitzender Thomas Düll. Ursprünglich nannten die Mitarbeiter die Einrichtung an der Langenmantelstraße (nähe Plärrergelände) liebevoll „Istambul“ als Kürzel für Innenstadtambulanz. In der Folgezeit wurden ein Gebäude an der Jesuitengasse und ein Domizil in der Karolinenstraße bezogen, ehe es in die Holbeinstraße ging. Dort werden seit 2007 Räume in der direkten Nachbarschaft zur Drogenhilfe Schwaben genutzt. Die Stadt Augsburg hatte diese angeboten. Vom ersten Tag an dabei waren die ehemalige Oberärztin Friederike Rahlf-Martin (seit kurzem im Ruhestand) und Facharzt Josef Haberl. Gemeinsam mit seinem Team sei Haberl zu einem der kompetentesten Substitutionsärzte Bayerns geworden, betonte Düll. Der Vorstandsvorsitzende dankte auch Prof. Dr. Max Schmauß, dem Ärztlichen Direktor des BKH, für sein „Durchhaltevermögen“. Alle Genannten nahmen an der Feierstunde teil.      

Der Geburtstag hat nach Meinung von Jürgen Reichert zwei Seiten: „Einerseits hätte man ihn lieber nicht gefeiert. Andererseits weiß ich, dass wir Einrichtungen wie diese brauchen“, sagte der Bezirkstagspräsident und Verwaltungsratsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben. Reichert erinnerte daran, dass es eine gemeinsame Aufgabe aller Einrichtungen sei, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu begleiten. „Sie sollen die Chance bekommen, mit Unterstützung aller ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.“

Nach Ansicht von Dirk Wurm, Ordnungsreferent der Stadt Augsburg, wäre prinzipiell Geld in der Prävention besser angelegt. Bei der Repression, also bei der Bekämpfung von Straftaten, werde dann ein Vielfaches fällig, sagte Wurm. „Es gibt Themen, die sind nicht so schön und wohlgefällig, dass die Gesellschaft Hurra schreit. Aber sie sind notwendig.“ Deswegen sei es ganz normal, in der Mitte der Stadt und ihrer Gesellschaft präsent zu sein.

Gerhard Stecker, Oberarzt der Drogenklinik und Substitutionsambulanzen am BKH, gab seiner Freude Ausdruck, dass sich zwischen Klinik und Drogenhilfe eine „sehr gute, kollegiale und zielführende Kooperation“ entwickelt habe. Uwe Schmidt, pädagogischer Leiter der Drogenhilfe, bestätigte dies: „Wir hatten immer eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“

Facharzt Haberl ist froh, dass seit Beginn so viel Positives passiert sei. „Damals habe ich drei Monate warten müssen, bis ich mit der Behandlung anfangen durfte“, erinnert sich der 55-Jährige an die Zeiten, als die Krankenkasse jede Behandlung genehmigen musste. Heute reiche eine Versicherungskarte. Morgens um 6.30 Uhr gehe die Türe auf, die Ambulanz sei dann durchgehend bis abends geöffnet – sieben Tage die Woche, also auch am Wochenende und an Feiertagen. In all den Jahren seit 1998 habe es „nie wirklichen Ärger mit den Nachbarn gegeben“, betonte Haberl. Sein Team besteht aus einer ärztlichen Halbtagskraft, fünf Krankenschwestern und einer Arzthelferin. Eine etwa gleich große Mannschaft arbeitet in der Schwestereinrichtung am BKH in der Dr.-Mack-Straße.

Insgesamt 240 Patienten werden an beiden Standorten behandelt. Im Sommer waren 30 Plätze frei. Von Anfang an wird viel Wert auf eine psychologische Begleitung gelegt. Die Räume der Ambulanz sind rauchfrei. Ein Drittel der Klienten geht laut Haberl arbeiten und ist stabil. Andere sind meist seit Jahren mehrfach abhängig und müssten „lebenslang“ in die Ambulanz. Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen Regeln eingehalten werden, berichtete der Facharzt. Zwar sei man davon abgekommen, Patienten mit Beikonsum aus dem Programm zu werfen. Allerdings hänge vom Verhalten des Betroffenen ab, ob er täglich seinen Ersatzstoff wie Methadon oder Polamidon unter Aufsicht trinken muss oder ob er ein Rezept für sieben Tage bekommt (sog. „take home“).

Dass es auch ungewöhnliche „Suchtkarrieren“ gibt, verdeutlichte ein 26-Jähriger. Er erzählte den Gästen der Jubiläumsfeier, dass er nach zwei schweren Herzoperationen mit Opiaten behandelt worden und so in die Sucht gerutscht sei. Die sogenannten Badesalze, die sich der junge Mann im Internet bestellte, verursachten epileptische Anfälle. Erst nach einem Unfall habe er die Erkrankung akzeptiert und Hilfe gesucht. Bei zwei weiteren Suchtkranken, die freimütig in aller Kürze ihre Geschichte erzählten, war es eher die klassische Drogenkarriere mit Heroin. Die 44-jährige Sabine – seit mehr als 14 Jahren hier - räumte ein: „Wenn es diese Einrichtung nicht gäbe, würde ich schon lange nicht mehr leben.“

Vorstandsvorsitzender Düll nutzte den Rahmen als Gelegenheit, Kritik an der Kassenärztlichen Vereinigung zu üben. Sie werde ihrer „Pflichtversorgungsaufgabe“ bei der Behandlung von Suchtkranken nicht gerecht. Zum einen dürften nach deren Lesart Krankenhäuser eigentlich nur am jeweiligen Standort ihrer Kliniken ambulant behandeln, nicht jedoch an Außenstellen – nicht einmal im innerstädtischen Bereich. Zum anderen gebe es viel zu wenig niedergelassene Ärzte, die Suchtkranke substituieren, so Düll. „Wir machen diese Arbeit gerne und aus Überzeugung, dann aber nicht nur auf die Substitution beschränkt.“