Ein Juwel in der Versorgungslandschaft

Seit 1999 bietet die  „Villa Schönblick“ in Kaufbeuren für Menschen mit seelischer Behinderung ein Zuhause. Ziel der Einrichtung ist es, den Bewohnern größtmögliche Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben in der Stadt zu bieten. „Ihr seid ein Juwel in der Versorgungslandschaft“, sagte Dr. Christian Schanze bei seinem Festvortrag anlässlich des 20-jährigen Bestehens der „Villa Schönblick“. Schanze war viele Jahre als Oberarzt im örtlichen Bezirkskrankenhaus (BKH) tätig und maßgeblich für den Aufbau dieses Heilpädagogischen Heims verantwortlich. Heute arbeitet der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in einer Praxis in Landsberg/Lech.

„Das Heim ist heute wie in der Zukunft immens wichtig“, betonte Schanze. Es verbinde den psychiatrischen Hintergrund mit einem pädagogischen Anteil. Die Bedeutung hatte man in der Anfangszeit noch nicht so erkannt – ganz im Gegenteil. „Damals sind wir ziemlich angefeindet worden. Es ging gar nicht, dass eine Klinik einen außerklinischen Bereich hat“, blickte der Vorstandsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben, Thomas Düll, zurück. Die Bezirkskliniken sind sowohl der Träger des BKH (des klinischen Bereichs) als auch von „Wohnen und Fördern“ (des außerklinischen Bereichs), zu dem die „Villa Schönblick“ gehört.

Ihren Namen hat die Einrichtung wohl wegen ihres Ausblicks, den man vom Obergeschoss aus hat: Man blickt bei gutem Wetter von dort auf die Ammergauer Alpen mit Säuling und Tegelberg. Außerdem führt der Erschließungsweg „Schönblick“ hinterm Haus vorbei.

Als 1975 in dem Bericht zur Lage der Psychiatrie in Deutschland stand, dass die Psychiatrie kein Platz zum Leben sei, begann die Zeit der Veränderung, erinnert sich Dr. Schanze. Begriffe wie Dezentralisierung und Enthospitalisierung machten die Runde, also die Wiederherstellung normalisierter Lebensumstände für Menschen mit Behinderungen nach langdauerndem Aufenthalt in psychiatrischen Krankenhäusern.  „Die Lebenshilfe Kaufbeuren bat uns, für Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Auffälligkeiten, die bis dato im Langzeitbereich des BKH untergebracht und nicht mehr akut behandlungsbedürftig waren, eine Wohneinrichtung zu bauen“, so der ehemalige Oberarzt. Niemand mehr habe sich damals in der Lage gesehen, die intensive Betreuung, die für diese Menschen notwendig ist, zu leisten. Als Domizil stieß man auf die ärztliche Direktorenvilla an der Kemnater Straße gegenüber des BKH-Geländes. „Die Villa war unser Therapiezentrum der Enthospitalisierung“, so Schanze.

Dass ausgerechnet dieses Gebäude ausgewählt wurde, sei eine „Ironie des Schicksals“, wie  Düll feststellte. Ausgerechnet dort, wo zur Zeit der NS-Gewaltherrschaft Verantwortliche wohnten, die das Leben solcher Bewohner als nicht lebens- und schützenwert gesehen hatten, zogen später Menschen mit seelischer Behinderung ein. Auch in einem anderen Punkt hätten sich die Zeiten geändert, stellte der Vorstandsvorsitzende fest: „Die gleichen Kritiker von damals aus den Reihen der Wohlfahrtsverbände fahren die Kapazitäten in den beschützenden Bereichen heute dramatisch und massiv herunter. Gleichzeitig fordern sie die Bezirkskliniken Schwaben dazu auf, mehr Plätze für Menschen mit herausforderndem Verhalten zu schaffen.“

Für die Sanierung der ehemaligen Direktorenvilla, die 1910 errichtet wurde, und den Umbau zum Haus zur Wiedereingliederung habe es damals keine staatliche Förderung gegeben. Das Gesundheitsunternehmen habe ihn aus Eigenmitteln finanziert. „Wir haben dem Widerstand, egal von welcher Seite, stets standgehalten. Das war gut so“, meinte Düll.

Heute wohnen 18 Menschen zwischen 21 und 80 Jahren dort. Zehn von ihnen fahren täglich in die Wertachtal-Werkstätten. Wie gut der Ruf der Einrichtung über die Grenzen Kaufbeuren hinaus offensichtlich ist, verdeutlicht eine Platzanfrage aus jüngster Zeit: Die kam nämlich von der Ostsee, wie Achim Crede, Leiter Süd von „Wohnen und Fördern“, berichtete. „Unser Herz hängt sehr an der Villa Schönblick“, sagte Gerhard Becker. Nach Angaben des Geschäftsleiters umfasst der außerklinische Bereich der Bezirkskliniken insgesamt 350 Menschen.  „Die Villa Schönblick ist eine besondere Einrichtung, die es so nur einmal in Kaufbeuren und Umgebung gibt. Wir können dort leider nicht mehr Bewohner betreuen“, bedauerte Becker.

Alle Redner lobten Hausleiter Peter Lukes sowie Martina Hölzle vom pädagogischen Fachdienst mit ihrem gesamten Team für die hoch anspruchsvolle Arbeit.  Sowohl Düll als auch Dr. Schanze gratulierten Mitarbeitern und Bewohnern zu 20 Jahren des Wirkens und des Zusammenlebens und betonten ihre Wertschätzung ihnen gegenüber.

Laut Oberbürgermeister Stefan Bosse gehören das BKH und alle außerklinischen Einrichtungen ganz selbstverständlich zu Kaufbeuren.  1876 gegründet, sei die Klinik seitdem aufs engste mit der Stadt verbunden. „Was hier entstanden ist, ist großartig“, lobte der Rathauschef, der zugleich Verwaltungsrat der Bezirkskliniken Schwaben ist.  Die Villa Schönblick biete ihren Bewohnern so viel Normalität und Individualität wie möglich. Mit Blick auf die Diskussionen um Unterkünfte für Wohnsitzlose in Marktoberdorf meinte Bosse: „Wir haben hier alles auf engem Raum, und es läuft ohne Probleme.“

„Inklusion par excellence“ (Achim Crede) bietet die Trommelgruppe „Canavial“ unter der Leitung von Monika Rückert-Prause: In der Combo spielen seit geraumer Zeit Mitarbeiter und Bewohner von „Wohnen und Fördern“ mit Musikbegeisterten aus der Bevölkerung zusammen. Wie gut sie das können, zeigten sie bei mehreren Einlagen während der Feier im Festsaal des BKH. Auch OB Bosse und Vorstandsvorsitzender Düll wurden eingebunden und sorgten für rhythmische Stimmung unter den Gästen.