Günzburger Spitzenmedizin lässt Überlebenschancen steigen

Als die Brainsuite der Neurochirurgischen Klinik der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus (BKH) Günzburg im Februar 2009 eingeweiht wurde, da war sie in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit. Der neue OP-Saal ermöglichte hocheffiziente und sichere Behandlungsalternativen, die man sich ein bis zwei Jahrzehnte zuvor noch überhaupt nicht vorstellen konnte. Weltweit waren zu dieser Zeit 24 Brainsuites im klinischen Einsatz. In Europa waren es mit Günzburg gerade einmal sechs vergleichbare Modell. Die Günzburger Ausführung jedoch mit einem voll beweglichen OP-Tisch gab es damals – global betrachtet – nur noch einmal auf der Welt: in Cincinnati (USA). Die Brainsuite selbst ist ein digital integrierter neurochirurgischer OP-Saal, der über einen Hochfeld-Magnetresonanz-Tomografen (MRT) für intraoperative Bildgebung verfügt.

Heute – gut ein Jahrzehnt und mehr als 1500 Eingriffe später – hat sich gezeigt, dass der ehemalige Wissenschaftsminister Baden-Württembergs Dr. Peter Frankenberg Recht hatte, als er bei der Einweihung der Brainsuite sagte: „Dieses System verkürzt OP-Zeiten, schont intaktes Gewebe und rettet Menschenleben.“ Das Günzburger Modell hatte es auch dem damaligen bayerischen Gesundheitsminister und heutigen Ministerpräsident Dr. Markus Söder angetan. Er bezeichnete die Brainsuite als „einen großen Fortschritt bei der Behandlung onkologischer Erkrankungen“. Heute gibt es etwa 20 solcher oder ähnlicher Brainsuites allein in Deutschland. Aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des speziell ausgestatteten OP-Saals fand im BKH Günzburg unlängst ein viel beachtetes Symposium statt. Dieses stand unter dem Titel: „Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in der Medizin – Chancen und Risiken“.    

Eine Besonderheit war und ist, dass die Günzburger Brainsuite durch eine länderübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht wurde. Die Einrichtungskosten in Höhe von vier Millionen Euro teilten sich das Land Baden-Württemberg, der Freistaat Bayern und die Bezirkskliniken Schwaben auf. Die Bezirkskliniken durften im Vorfeld einen der vier Säle im OP-Zentrum der Neurochirurgie, wo die Brainsuite später eingerichtet wurde, abweichend von der Norm größer bauen. „Damit konnten die Weichen für eine innovative, patientenschonende OP-Methode gestellt werden“, sagte Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, beim Jubiläumssymposium. Er bedankte sich beim Freistaat nochmals „für diese mutige Entscheidung“.

Seit mehr als 40 Jahren betreiben die Bezirkskliniken Schwaben in Günzburg mehrere Kliniken für die Universität Ulm, weshalb die Ulmer Lehrstuhlinhaber dieser Fächer gleichzeitig Klinikdirektoren in Günzburg sind. „Heute kann man wieder einmal feststellen: Die bundesweit einmalige Konstellation, dass eine Universitätsklinik in einem Bundesland (Bayern) steht und in einem anderen (Baden-Württemberg) die dazugehörige Universität beheimatet ist, ist längst ein Erfolgsmodell geworden“, unterstrich Düll. Für die Menschen in der Region seien nicht Grenzen wichtig, sondern die beste medizinische Versorgung. Das gilt nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden neben der Neurochirurgie auch für die medizinischen Fächer Psychiatrie und Forensische Psychiatrie, in denen die Bezirkskliniken Schwaben mit ihrem BKH Günzburg ebenfalls jeweils Klinik für die Universität Ulm sind.

Die Brainsuite sei aber auch das Ergebnis einer leistungsfähigen, innovativen Industrie in den beiden Bundesländern, so Düll. Ermöglicht habe dies die Kooperation der Firmen BrainLAB, Siemens, Zeiss und Trumpf.  „Die Günzburger Neurochirurgie ist für mich ein echter „hidden champion“ – und damit das Gegenteil eines Schein-Riesens“, sagte der Vorstandsvorsitzende. 

Dank der modernen Technik in der Brainsuite verlaufen Operationen sicherer und sehr viel präziser. Damit steigen Heilungschancen und Lebenserwartung der Patienten in beachtlichem Umfang: So lautete das Fazit von Professor Dr. Christian Rainer Wirtz, Ärztlicher Direktor der Neurochirurgischen Kliniken am BKH Günzburg und am Uniklinikum Ulm. Dass Operateure in der Brainsuite mit dem integrierten MRT noch während des Eingriffs überprüfen können, ob ein Tumor vollständig entfernt wurde, sei für die Patienten entscheidend: Studien hätten ergeben, dass Betroffene ohne Resttumoren signifikant überlebt hätten, betonte Wirtz.

Für den Radiologen Prof. Dr. Bernd Schmitz können die Bilder gar nicht zahlreich und scharf genug sein. „Es gibt heute fast keine Studie mehr ohne das Thema künstliche Intelligenz“, sagte der Leiter der Sektion Neuroradiologie der Universität Ulm und Chefarzt der Abteilung Neuroradiologie am BKH Günzburg. Die volldigitalisierte Arbeitsweise mit einem ausgereiften Radiologie-Informationssystem sei heute Standard. Die Entwicklung schreite rasant voran. „Der Bedarf an besseren Bildern ist hoch und wird noch wachsen“, blickte der Fachmann insbesondere für Thrombektomie (operative Entfernung eines Blutgerinnsels  aus einem Blutgefäß) in die Zukunft. Big Data sei auch in der Medizin ein zentrales Thema.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III am Universitätsklinikum Ulm, drückte beim Thema Digitalisierung insbesondere in Schulen auf die Bremse. „Finger weg von digitalen Geräten im Unterricht“, lautete eine seiner Grundbotschaften. Handys und Laptops schadeten bei der Bildung mehr als sie nutzten. Der renommierte Hirnforscher rechnete nicht zuletzt mit der Politik ab. Deren Digitalpakt für die Schulen sei eine milliardenschwere „Luftblase“, die in falsche Richtung führe. „Er ist ein Irrweg.“