Stilles Gedenken ist ein lauter Appell und ein starkes Signal

Es war eine bewegende Veranstaltung. Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gedachten die Bezirkskliniken Schwaben und das Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren der Opfer des Nationalsozialismus. Sie erinnerten speziell daran, dass vor etwa 80 Jahren in Kaufbeuren und Irsee die sogenannten „Euthanasie“-Aktionen begannen. Bis Kriegsende wurden mehr als 2000 Patientinnen und Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ermordet. Insgesamt waren es mehr als 70.000 Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung, die dem grauenhaften „T4“-Programm der Nazis zum Opfer fielen. „T4“, benannt nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin, wo die zuständige NS-Behörde ihren Sitz hatte.

Patoralreferentin und Seelsorgerin Adelheid Weigl-Gosse hatte die Gedenkfeier federführend organisiert. Um vor allem „junge Menschen gegen dieses Gedankengut zu immunisieren“ (Weigl-Gosse), wurde die Berufsfachschule für Pflegeberufe der Bezirkskliniken Schwaben in Kaufbeuren eingebunden. Die Auszubildenden unter Leitung von Dr. Petra Schweizer-Martinscheck sowie den beiden Klassenleiterinnen Claudia Spieß-Holder und Mirjam Jäger gestalteten einen maßgeblichen Teil der Veranstaltung. Julia Knobloch, Moritz Münster und Marc Kober berichteten von ihren Recherchen zur Aktion „T4“, die in den Jahren 1940 und 1941 insgesamt 688 Menschen aus Kaufbeuren und Irsee das Leben kostete. Für die Recherchen durfte die Klasse der Pflegeschule das BKH-Archiv in Kaufbeuren besuchen und Akten aus der NS-Zeit einsehen. Der Inhalt war und ist schockierend.

Bereits 1939, so die angehenden Pflegefachkräfte, hatten Heil- und Pflegeanstalten Meldebögen erhalten, so auch Kaufbeuren und Irsee. Unter anderem hätten Patienten gemeldet werden müssen, wenn sie „kein deutsches oder artverwandtes Blut auswiesen“ oder bereits mehr als fünf Jahre in der Einrichtung verbracht hatten. Auf Basis der Meldebögen wurden Listen der Patienten erstellt, die später in den Tötungsanstalten Grafeneck und Hartheim vergast werden sollten.

Die Transporte dorthin wurden verheimlicht oder ihr wahres Ziel vertuscht. So führte Schülerin Julia Knobloch aus, dass eine Krankenschwester damals zuerst angenommen habe, die Patienten kämen in eine Wohltätigkeitsanstalt – bis sie deren Kleider zurückgeschickt bekam. Auch die Patienten hätten schnell herausgefunden, was es mit den grauen Bussen, die sie abholten, auf sich hatte. Einer habe gesagt: „Meint Ihr, wir sind so dumm? Wir wissen schon, dass es jetzt ins Leichenauto geht.“

Am 8. August 1941 kamen in Kaufbeuren zum letzten Mal die Busse. Anschließend, so berichtete es der frühere BKH-Mitarbeiter Wilhelm Weinbrenner in seiner Ansprache in der Thomaskirche, wurden die Patienten vermehrt dezentral durch Giftspritzen oder Mangelernährung vor Ort in Kaufbeuren und Irsee umgebracht.

„Es ist an uns Älteren, die Erinnerungskultur an Jüngere weiterzugeben“, sagte der Vorstandsvorsitzende Thomas Düll bei seiner Begrüßung. „Es ist ein immerwährender Auftrag.“ In einer Zeit, in der gewisse politische Kreise eine Kehrtwende in der Erinnerungskultur forderten, müssten aktive, aufrechte Demokraten ein Zeichen setzen, so Düll. Er kündigte an, die Gedanken noch zielgenauer für Kaufbeuren und Irsee umsetzen zu wollen, „um die spezifische Erinnerungskultur ausbauen zu können“. Dazu sei bereits die Einrichtung eines Arbeitskreises beschlossen worden.  

Der Vorstandsvorsitzende freute sich, erneut Oberbürgermeister Stefan Bosse und 2. Bürgermeister Gerhard Bucher begrüßen zu können. Ebenfalls an der Gedenkfeier teil nahmen: Wolfram Firnhaber, Vorstand der Bezirkskliniken Schwaben, die gesamte Krankenhausleitung des BKH (Leitender Ärztlicher Direktor Dr. Albert Putzhammer, Pflegedirektor Harald Keller, Regionalleiter Wilhelm Egger), der stellvertretende Geschäftsleiter von „Wohnen und Fördern“, Achim Crede, sowie der ehemalige Verwaltungsleiter und passionierte Historiker Erich Resch. Für die musikalische Umrahmung sorgten Daniel Herrmann (Orgel) und Jürgen Lehmann (Trompete). „Sie ehren mit Ihrem Kommen die Opfer und tragen dazu bei, dass wir das Gedenken nicht vergessen“, sagte Chefarzt Dr. Putzhammer. Er bedankte sich bei jedem Beteiligten für die Mitwirkung und Mitgestaltung.    

Als Wilhelm Weinbrenner seine berufliche Tätigkeit 1966 als „Fürsorger“ im BKH begann (später hieß seine Berufsbezeichnung „Sozialarbeiter“), da habe er nichts von der dunklen Seite der Klinikgeschichte geahnt, berichtete er den Anwesenden. „Bis Anfang der 80ger Jahre hinein herrschte ein Mantel des Schweigens.“ Erst Recherchen unter anderem des ehemaligen Chefredakteurs der Augsburger Allgemeinen, Gernot Römer, und die Aufklärungsarbeit durch den damaligen Chefarzt Prof. Dr. Michael von Cranach, unterstützt durch den Bezirk Schwaben, hätten den „Stein der Erinnerung“ ins Rollen gebracht – nicht nur in Kaufbeuren, sondern bayernweit. „Herr von Cranach machte ernst mit der Reformpsychiatrie.“ In dieser Zeit sei auch der Gedenkstein auf dem Gelände des BKH unweit der heutigen Thomaskirche platziert worden – als immerwährender Zeitzeuge.

Um diesen Gedenkstein herum versammelten sich die Gäste der Gedenkfeier anschließend. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse G 18 (G steht für Generalistik) hatten jedem der mehr als 200 Anwesenden am Ausgang der Kirche eine Tulpe und ein Karte mit einem Psalm überreicht. Nachdem man gemeinsam gebetet hatte, legte jeder seine Blume am Gedenkstein nieder.

„Solche Gräueltaten sind nur möglich, wenn Menschen sich über andere erheben“, sagte Kaplan Simon Sarapek. Das „Vater unser“ lehre uns jedoch, dass wir alle gleich seien in der Würde des Menschen. Der evangelische Klinikseelsorger Pfarrer Johannes Steiner räumte ein, dass ihn solche Geschichten „manchmal zu Tränen rühren“. „Ich bin seit sechs Jahren hier. Mir kommt es so vor, als ob die Wände des Hauses manchmal darüber sprechen würden“, so Steiner. Deshalb sei der Segen für die Menschen so wichtig, weil er gute Worte beinhalte. Kaplan Sarapek appellierte an die Gesellschaft: „Es ist unsere Aufgabe, sich in die Welt jener Menschen zu begeben, die anders sind als wir – nicht umgekehrt.“